Themenfeld

Urban Farming und Vertical Farming: Lebensmittel aus der Stadt

Salat aus dem Hochregal, Fisch und Gemüse im Kreislauf: was Landwirtschaft in der Stadt kann und wo sie an Grenzen stößt.

Kennzahlen auf einen Blick

  • 3GrundformenGarten im Freien, Gewächshaus oder Dach, geschlossene Indoor-Farm
  • HydroponikAnbau ohne ErdeWurzeln in Nährlösung, Wasser im Kreislauf
  • AquaponikFisch plus GemüseAusscheidungen der Fische düngen die Pflanzen
  • Stromgrößter Kostenfaktorfür Licht und Klimatisierung in Indoor-Farmen

Die meisten Menschen in Deutschland leben in Städten, die meisten Lebensmittel wachsen weit entfernt davon. Urban Farming will diese Distanz verkürzen: mit Gärten auf Brachen und Dächern, mit Gewächshäusern auf Supermärkten oder mit Indoor-Farmen in Lagerhallen. Diese Seite erklärt die verschiedenen Ansätze und ordnet ein, was sie zur Ernährung beitragen können.

Formen urbaner Landwirtschaft

Form Wie es funktioniert Was dort wächst Stärke Schwäche
Gemeinschafts- und Kleingärten Anbau im Boden oder in Hochbeeten, oft gemeinschaftlich Gemüse, Kräuter, Obst Bildung, Nachbarschaft, Artenvielfalt geringe Erntemengen
Dach- und Gewächshausfarmen Anbau auf Gebäuden, teils mit Abwärme Tomaten, Gurken, Salate, auch Fisch nutzt vorhandene Flächen Statik, Baukosten
Vertical Farming geschlossene Räume, Etagen, LED-Licht, Hydroponik Kräuter, Blattsalate, Microgreens ganzjährig, wenig Wasser und Fläche hoher Strombedarf
Aquaponik Fischzucht und Pflanzenanbau im gemeinsamen Wasserkreislauf Salate, Kräuter, Fisch Nährstoffkreislauf komplexe Steuerung

Vertical Farming: Landwirtschaft in Etagen

In einer vertikalen Farm wachsen Pflanzen in übereinander gestapelten Regalen in einem vollständig kontrollierten Raum. Licht kommt von LED-Leuchten, deren Farbspektrum auf die Pflanzen abgestimmt ist; Temperatur, Luftfeuchte und Kohlendioxid werden geregelt. Die Wurzeln stehen in einer Nährlösung (Hydroponik), werden mit Nährstoffnebel besprüht (Aeroponik) oder wachsen in Substrat.

Die Vorteile sind beachtlich: Ernte unabhängig von Wetter und Jahreszeit, sehr geringer Wasserverbrauch, weil das Wasser im Kreislauf bleibt, meist kein Bedarf an Pflanzenschutzmitteln und kurze Wege zu den Kunden in der Stadt. Der große Nachteil ist die Energie. Was draußen die Sonne liefert, muss drinnen Strom leisten. Deshalb rechnen sich Indoor-Farmen bislang vor allem für Pflanzen mit kurzer Kulturzeit und hohem Wert pro Kilogramm, etwa Basilikum, Salate und Keimlinge. Mehrere Unternehmen der Branche mussten in den vergangenen Jahren aufgeben, als die Strompreise stiegen.

Aquaponik: Fisch und Gemüse im Kreislauf

Aquaponik verbindet die Fischzucht in Becken (Aquakultur) mit dem erdlosen Pflanzenanbau (Hydroponik). Bakterien wandeln die Ausscheidungen der Fische in Nitrat um, das die Pflanzen als Dünger aufnehmen; die Pflanzen reinigen dabei das Wasser, das zurück zu den Fischen fließt. In Deutschland wurde das Prinzip unter anderem am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei erforscht. Für den Hausgebrauch gibt es kleine Systeme, die eher Lern- und Hobbyprojekte sind.

Was sich in Indoor-Farmen rechnet

Wirtschaftlich entscheidend sind drei Größen: wie schnell eine Kultur wächst, wie viel sie pro Kilogramm einbringt und wie viel Licht sie braucht. Microgreens, also junge Keimpflanzen von Kresse, Rettich, Erbsen oder Sonnenblumen, sind nach wenigen Tagen erntereif. Kräuter wie Basilikum und Blattsalate brauchen einige Wochen und vergleichsweise wenig Licht. Fruchtgemüse wie Tomaten oder Paprika und erst recht Grundnahrungsmittel wie Getreide oder Kartoffeln benötigen dagegen viel Licht, lange Kulturzeiten und Platz; in geschlossenen Indoor-Farmen sind sie bisher kaum wirtschaftlich.

Viele Betreiber kombinieren deshalb Ansätze: Gewächshäuser auf Dächern nutzen Sonnenlicht und ergänzen nur bei Bedarf mit LED, Anlagen in Gebäuden greifen auf Abwärme aus Rechenzentren oder Industrie zurück. Auch die Nähe zu Abnehmern wie Gastronomie und Handel ist ein Standortfaktor, weil frische Kräuter und Salate empfindlich sind und kurze Wege die Qualität verbessern.

Was Urban Farming leisten kann und was nicht

Dass Städte sich selbst versorgen, erwarten Fachleute nicht. Getreide, Kartoffeln, Hülsenfrüchte und Ölsaaten brauchen große Flächen und wachsen weiter auf dem Acker. Urban Farming kann aber:

  • frische, empfindliche Produkte mit kurzen Wegen liefern,
  • Abwärme, Regenwasser und organische Reststoffe der Stadt nutzen,
  • Menschen zeigen, wie Lebensmittel entstehen, und damit Wertschätzung und weniger Verschwendung fördern,
  • in Gebäuden und auf Brachen grüne Inseln und Treffpunkte schaffen.

Auch das frühere deutsch-niederländische Kooperationsprojekt FOOD2020 hat sich mit dem Thema befasst: Nach Angaben der archivierten Projektwebsite wurde dort ein Innovationsprojekt zu interaktivem Urban Farming begleitet und abgeschlossen. Eine Einordnung des Projekts steht im Projektarchiv.

Regional, urban, nachhaltig: Begriffe sauber trennen

Lebensmittel aus der Stadt sind nicht automatisch nachhaltiger. Entscheidend sind Energiequelle, Ertrag pro Fläche, Verpackung und Transport. Wie Verpackungen zur Klimabilanz beitragen, zeigt die Seite Nachhaltige Verpackung; wie Sensorik und Steuerung moderne Anbausysteme möglich machen, der Bereich Neue Lebensmitteltechnologien. Und weil auch in Indoor-Farmen Reste anfallen, lohnt ein Blick auf Upcycling und Reststoffe.

Häufige Fragen

Fragen und Antworten

Darf Gemüse aus Vertical Farming Bio heißen?
In der EU in der Regel nicht. Die EU-Öko-Verordnung verlangt grundsätzlich, dass Pflanzen im Boden wachsen, der mit dem Unterboden verbunden ist. Erdlose Hydroponik-Systeme sind deshalb nicht als ökologisch zertifizierbar, es gibt nur eng begrenzte Ausnahmen.
Lohnt sich Aquaponik für zu Hause?
Als Hobby und Lernprojekt kann ein kleines Aquaponik-System funktionieren, es braucht aber Pflege, technische Grundkenntnisse und Verantwortung für die Fische. Einen nennenswerten Teil des eigenen Gemüse- oder Fischbedarfs decken Heimanlagen kaum.
Ist Salat aus der Indoor-Farm klimafreundlicher?
Das hängt vor allem vom Strom ab. Mit Strom aus erneuerbaren Quellen und kurzen Lieferwegen kann die Bilanz gut sein, mit fossilem Strom ist sie oft schlechter als bei Freilandsalat aus der Region. Ein Vorteil bleibt der geringe Wasser- und Flächenbedarf.

Redaktion food2020.eu · zuletzt überarbeitet am 27. Oktober 2026.